Hamburg, 22. September 2023 

Umfassende Studie zur Jobzufriedenheit philippinischer Pflegefachkräfte in Deutschland zeigt Ausmaß und Einfluss von Rassismuserfahrungen

Die Gewinnung, Integration und Bindung internationaler Pflegefachkräfte sind wesentliche Bausteine im Umgang mit dem Pflegenotstand in Deutschland. Dieser gesamte Prozess stellt sowohl die Einrichtungen als auch die angeworbenen Fachkräfte vor massive Herausforderungen. Eine nun veröffentlichte umfassende Studie der Wirtschaftspsychologin Grace Lugert-Jose zeigt eine niedrige Zufriedenheit und ein hohes Maß an Rassismuserfahrungen bei hier arbeitenden philippinischen Pflegefachkräften.

Die Mehrheit der hier arbeitenden philippinischen Pflegefachkräfte würde befreundeten Kolleg*innen die Arbeit in Deutschland nicht empfehlen. Fast zwei Drittel (64%) haben Rassismus oder andere Formen der Diskriminierung erlebt. Das sind alarmierende Zahlen. Immerhin hat sich die Zufriedenheit im Vergleich zum Vorjahr bereits deutlich verbessert.

Das ist das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftspsychologin und interkulturellen Beraterin Grace Lugert-Jose, die sich auf die Integration internationaler Pflegefachkräfte in Deutschland spezialisiert hat. Für die Studie, die im Februar 2023 durchgeführt wurde, hat Grace Lugert-Jose hier lebende und arbeitende Pflegefachkräfte aus den Philippinen zu ihrer Berufszufriedenheit und zu verschiedenen Aspekten der Integration befragt.

Bereits im letzten Jahr führte sie eine erste Studie zu diesem Thema durch, die viel Beachtung in den Medien und in Fachkreisen fand.

Mit 224 Teilnehmenden lässt die aktuelle Studie gute Rückschlüsse auf die Gesamtheit der philippinischen Pflegefachkräfte in Deutschland zu. Der überwiegende Teil der Erkenntnisse dieser Studie dürfte darüber hinaus auch auf die Gesamtsituation vieler Pflegefachkräfte aus anderen Herkunftsländern übertragbar sein.

„Eine wesentliche Erkenntnis der ersten Studie war, dass die Zufriedenheit der Pflegekräfte nicht hoch war“, so Grace Lugert-Jose. Direkt bei der Auswertung der Studie von 2022 ergaben sich bereits wichtige Folgefragen. Denn obwohl danach nicht gefragt worden war, berichteten viele Teilnehmende über Erfahrungen mit Diskriminierung und Rassismus. Da war für Grace Lugert-Jose klar, dass dies in einer neuen Studie stärker in den Fokus genommen werden muss.

Rassismus ist ein grundlegendes Problem bei der Integration internationaler Pflegefachkräfte

64% der Teilnehmenden an der aktuellen Studie haben Diskriminierung oder Rassismus bei der Arbeit wahrgenommen. Beim überwiegenden Anteil derartiger Erfahrungen handelt es sich um subtile Formen: herablassendes Verhalten, Ausschluss aus Gruppenprozessen oder Ignorieren. Dies fällt unter Mobbing und deckt sich mit früheren Studien, wonach Mobbing in der Pflege weit verbreitet ist. Hierbei spielen oft auch die Sprachbarriere und kulturell bedingte Unterschiede in der Kommunikation eine Rolle. „Oft kommen die neu eingereisten Pflegefachkräfte in Teams mit schlechtem Arbeitsklima, in denen Mobbing bereits an der Tagesordnung ist. Dann werden sie natürlich als die Neuen mit meist zurückhaltendem Auftreten und Unsicherheiten in der deutschen Sprache zum Opfer von Mobbing“, so Grace Lugert-Jose.

Es gab jedoch auch Berichte von offen rassistischen Äußerungen, Beleidigungen und sogar körperlichen Übergriffen. 

Die Pflegefachkräfte, die Diskriminierung und Rassismus wahrgenommen haben, sind deutlich unzufriedener mit ihrem Job und wechseln verständlicherweise mit größerer Wahrscheinlichkeit den Arbeitgebenden.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass man an verschiedenen Stellen ansetzen muss, um dieses Problem zu reduzieren. Zum Einen spielt die interkulturelle Kompetenz der Führungskräfte eine entscheidende Rolle. Die Tatsache, dass Diskriminierung und Rassismus überwiegend durch Kolleg*innen erfahren wurden, unterstreicht die Bedeutung von guten Führungskräften, die hier kompetent agieren und einschreiten müssten. Der häufigste Verbesserungsvorschlag der Betroffenen waren Trainings auf allen Ebenen zum kultursensiblen Miteinander.

Auf der anderen Seite gibt es einen signifikanten Zusammenhang mit der Wahrnehmung von Diskriminierung und Rassismus und der interkulturellen Vorbereitung im Herkunftsland. Je besser die Teilnehmenden vorbereitet worden waren, desto weniger wahrscheinlich war die wahrgenommene Erfahrung mit Diskriminierung und Rassismus.

Manchmal sorgen kulturelle Missverständnisse zu gefühlter Diskriminierung. Gerade die sehr unterschiedlichen Kommunikationsstile in Deutschland und den Philippinen führen schnell zu Fehlinterpretationen. „In vielen Fällen nehmen die zugewanderten Fachkräfte Äußerungen, die in Deutschland als nicht besonders feinfühlig, aber akzeptabel durchgehen, als Mobbing wahr“, so Grace Lugert-Jose. “Diese Missverständnisse können durch ein gutes interkulturelles Training beider Seiten deutlich reduziert werden.”

Deutliche Steigerung der Zufriedenheit im Vergleich zum Vorjahr

Eine positive Erkenntnis der diesjährigen Studie ist eine deutliche Verbesserung der Zufriedenheit in allen abgefragten Kategorien. Dazu Grace Lugert-Jose: “Es ist schön zu sehen, dass sich die Ergebnisse innerhalb eines Jahres bereits verbessert haben. Es wäre schön, wenn dies zumindest zum Teil an verbesserten Rahmenbedingungen läge. Man darf aber auch nicht vergessen, dass im Befragungszeitraum der ersten Studie noch erhebliche Einschränkungen durch Corona vorlagen, die sehr wahrscheinlich die aktuelle Verbesserung zu einem guten Teil erklären.”

Auch dieses Jahr wurde aus der Befragung wieder der eNPS (Employee Net Promoter Score) als verbreitete Benchmark-Kennzahl berechnet. Der in dieser Studie ermittelte Wert von -32 Prozent ist zwar eine Verbesserung zum Vorjahr (-49 Prozent), aber immer noch besorgniserregend.

Große Qualitätsunterschiede bei den Personalvermittlungsagenturen

Die Auswahl der richtigen Personalvermittlungsagentur für das Projekt ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg. “Gute Agenturen beraten die Einrichtungen beim gesamten Prozess und nehmen die Auswahl der richtigen Fachkräfte sehr ernst”, so Grace Lugert-Jose. “Leider gibt es aber auch einige Agenturen, die keine gute Arbeit leisten. In meiner Studie kann man dies in Zahlen deutlich sehen.”

Erfreulich ist auch, dass die Bemühungen der Regierungen beider Länder Früchte tragen und auch durch die vermittelten Fachkräfte positiv bewertet werden. Die Zufriedenheit der Teilnehmenden des Programms Triple-Win war höher als die jeder privaten Vermittlungsagentur.

Professionelle Vorerfahrung ist sehr wichtig

Ein großer Schlüssel für die Zufriedenheit liegt bereits in der Auswahl der Fachkräfte im Herkunftsland. In der Studie wurden zwei Faktoren abgefragt: die Berufserfahrung auf den Philippinen vor der Anwerbung und die bisherige Berufserfahrung außerhalb der Philippinen. Hierbei war das Ergebnis: Die Berufserfahrung allgemein hat eine sehr große Auswirkung auf die Zufriedenheit. Mindestens fünf Jahre relevanter Berufserfahrung führen zu einer erheblich größeren Zufriedenheit. Wo diese Erfahrung gesammelt wurde, spielt dagegen eine untergeordnete Rolle.

Zufriedenheit in Krankenhäusern höher als in der Altenpflege

Der Arbeitsalltag in der Altenpflege wird oft als besonders mühsam und hart beschrieben. Die Ergebnisse dieser Studie bestätigen dieses Bild. Die befragten philippinischen Pflegefachkräfte in Krankenhäusern waren signifikant zufriedener als die Kolleg*innen in der Altenpflege.

Die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen setzen die falschen Prioritäten 

Bei der Analyse der Ergebnisse wird deutlich, dass viele Arbeitgebende mit ihren Maßnahmen die falschen Prioritäten setzen. „Sie drängen auf möglichst schnelle Einarbeitung und wollen die neuen Mitarbeitenden dann direkt voll einplanen. Dies führt aber leider zu den in der aktuellen Studie beobachteten Missständen“, so Grace Lugert-Jose. 

Die Arbeitgebende nutzen die ausländischen Fachkräfte oft zum Stopfen von Lücken in den Teams. Dies führt dann oft dazu, dass die neu angekommenen Kolleg*innen in Teams mit schlechter Stimmung landen und von vornherein in einem schlechten Arbeitsklima arbeiten müssen. Dies ist natürlich gerade in der Anfangszeit ein großes Problem.

Wenn Mitarbeiter aus verschiedenen Kulturen erfolgreich zusammenarbeiten sollen, müssen die Einrichtungen zu interkulturell kompetenten Organisationen werden und sie müssen auch die Stammbelegschaft für die Veränderungen fit machen. Außerdem muss genügend Zeit und auch Budget für die Integration der neuen Kolleg*innen eingeplant werden. Die Ergebnisse der Befragung zeigen leider, dass dies bisher nicht ausreichend geschieht. 

Empfehlungen für Arbeitgebende
  • Nehmen Sie das Thema Integration als ein strategisches Projekt wahr und investieren Sie entsprechend in begleitende Maßnahmen, wie z.B. die Schaffung interner Strukturen für die solide Umsetzung des Integrationsmanagements und rechtzeitige Vorbereitung durch interkulturelle Trainings sowohl für die Stammbelegschaft als auch für die angeworbenen Fachkräfte.
  • Die interkulturelle Kompetenz Ihrer Führungskräfte ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg der Integration. 
  • Platzieren Sie neu angekommene Fachkräfte nicht in Teams, bei denen das Arbeitsklima eh schon ein Problem ist, sondern in die stärksten Teams mit den wenigsten Problemen.
  • Vermeiden Sie falsche Erwartungen und Enttäuschungen bei der Stammbelegschaft durch klare und ehrliche Kommunikation. Die erfolgreiche Integration von Pflegefachkräften aus dem Ausland ist ein langfristiger Prozess, der nicht schnell zu Entlastung führt.
  • Priorisieren Sie die Förderung der Deutschkenntnisse der neuen Kolleg*innen. Dies ist ein Schlüssel für die Wirksamkeit im Job, aber auch für die soziale Integration und Teilhabe.

 

Zusatzinformationen zur Studie 

Die Studie ist im Zusammenhang mit der Tätigkeit von Grace Lugert-Jose als interkulturelle Trainerin und Beraterin entstanden. Die studierte Wirtschaftspsychologin berät deutschlandweit Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen bei der erfolgreichen Integration von internationalen Fachkräften. Sie ist Herausgeberin des Arbeitgebersiegels “Best Places zu Work for International Nurses in Germany”. Mit diesem Siegel werden Arbeitgebende ausgezeichnet, die besonders gute Arbeit bei der Integration internationaler Fachkräfte leisten.

Grace Lugert-Jose ist außerdem Gründerin der Facebook-Gruppe “Network of Pinoy Nurses in Germany”, eine der größten Austauschplattformen für philippinische Pflegefachkräfte in Deutschland. Über diese Gruppe wurde zur Befragung aufgerufen, die vom 18.02.2023 bis zum 25.02.2023 durchgeführt wurde. Es flossen 224 komplett ausgefüllte Fragebögen in die Studie ein. Die Befragung fand auf Englisch statt, die hier genannten Formulierungen sind Übersetzungen. Die statistische Auswertung erfolgte durch die Statistikerin Kristine Leduc aus Rennes (Frankreich), die auf die Auswertung von Zufriedenheitsbefragungen spezialisiert ist und in diesem Bereich langjährige Erfahrung aufweist, unter anderem durch ihre Tätigkeit bei der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). 

Zur digitalen pressemappe

Hier finden Sie die Ergebnisse der  Studie in PDF (2023) 

PDF presentation with all results of the study Sept. 2023

Press release featuring the most important facts of the study 2023

Hier finden Sie die Ergebnisse der ersten Studie (2022).

über mich

Grace Lugert-Jose

WIRTSCHAFTSPSYCHOLOGIN | SPEZIALISTIN FÜR INTEGRATION INTERNATIONALER FACHKRÄFTE IM GESUNDHEITSWESEN

Ich bin darauf spezialisiert, Integrationsprozesse in medizinischen Einrichtungen zu begleiten und zum Erfolg zu bringen.

Ich bin gebürtige Filipina und bin vor mehr als 23 Jahren mit meiner Familie von den Philippinen nach Deutschland gekommen. Dadurch weiß ich, welche Herausforderungen Menschen aus anderen Kulturen hier in Deutschland erwarten.

Nach einer kaufmännischen Ausbildung und einem Studium in BWL und Wirtschaftspsychologie, absolvierte ich eine Ausbildung zur interkulturellen Trainerin. Durch meine umfangreiche Berufserfahrung in verschiedenen Branchen und der Arbeit in multikulturellen Teams, weiß ich worauf es im Berufsalltag ankommt.

Mit mir bekommen Sie eine Praktikerin, die pragmatische Lösungen sucht und schnell einen guten Draht zu Stammbelegschaft und ausländischen Fachkräften aufbauen kann.

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